2021-06-10

“Wir sind keine Basteltanten”

Wir haben ein Interview mit unserer Ergotherapuet*in Sarah Brandl geführt und dabei ist so einiges an neuem Wissen generiert worden.

Lest selbst…

Hallo Sarah… Was ist eigentlich Ergotherapie? Und woher kommt das Ganze?

Ergos kommt vom griechischen Wort für „arbeiten“, „sich betätigen“. Die Ergotherapie wurde nach dem 2. Weltkrieg aus einem Zusammenschluss verschiedener Professionen (z.B. Architekt*innen, Handwerker*innen, Psycholog*innen, Ärzt*innen, etc.) gegründet mit dem Ziel Verwundete oder Menschen, die z.B. eine PTSD entwickelt haben, zu beschäftigen.  Das Problem war, dass diese oft nur in Krankenhäuser ohne Beschäftigung ihre Zeit verbrachten und dies ihrem Heilungsprozess eher geschadet hat. Denn, so haben die damaligen „Beschäftigungstherapeut*innen gemerkt, das Handeln hat eine positive Wirkung auf die Heilungschancen. Wichtig ist dabei, dass die Betätigung bedeutungsvoll und sinnvoll ist. Die dazugehörige Handlungswissenschaft – also weg vom reinen Handwerksgedanken – wurde durch Gary Kielhofner etabliert. Jener hat auch das MOHO Modell entwickelt. Dieses „Model of Human Occupation“ besteht aus den drei Hauptkomponenten Volition (Motivation, „ich will“), Habituation (Erlernen von Rollenmustern und Arbeitsroutinen) und der Performance capacity (individuelle körperliche und geistige Fähigkeiten im Handlungsumfeld).

Warum hast du dich für Ergotherapie entschieden?

Ursprünglich wollte ich schon immer beruflich etwas mit Menschen machen. Am Anfang war ich mehr bei der Physiotherapie, dann habe ich mich aber doch für den Studienlehrgang an der FH Wiener Neustadt entschieden. Das hat sich, wie es sich herausgestellt hat, als die richtige Wahl erwiesen. Ich wusste z.B. gar nicht, dass es auch eine psychiatrische Seite gibt. Ergotherapie stellt auch die Individualität der Menschen und deren Probleme in den Vordergrund! Alle Krankheitsbilder (neurologisch, psychiatrisch, körperlich…) schlagen sich auf den Alltag nieder. Die Ergotherapie fragt: wo gibt es ein Problem, aber was geht gut? Denn das Stützen und Stärken ist der wichtigste Ansatzpunkt. Genau deswegen ist es auch so stark klient*innenzentriert und macht einfach Sinn!

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Wie schaut dein Arbeitsalltag aus?

Am Dienstag ist immer Team Meeting, das ist wichtig für die interdisziplinäre Vernetzung und in Folge wichtig für den Heilungsprozess. Das Setting kann sich nämlich jeden Tag ändern. Nach dem Team schaue ich mir die Dokumentation an, damit ich up to date bin. Danach ist es meist ruhig, da viele Bewohner*innen in einer Tagesstruktur angebunden sind. Die Anderen versuche ich durch niederschwellige Angebote und Beziehungsaufbau zu motivieren. So wie überall kann man nicht immer einfach so andocken. Wichtig ist, dass es von meiner Seite keinen Druck geben darf. Dann versuche ich Interventionen nachzugehen, die in den individuellen Zielen und Maßnahmen definiert sind. Ziele sind z.B. selbständig ein Gericht nach einem Rezept zu kochen oder ein Sommerkleid nähen– Genau da setze ich an: der oder die Klient*in wird da abgeholt wo sie oder er steht. Optimal ist immer ein Weg zwischen Unter- und Überforderung.
Zu den Aktivitäten zählen auch noch Jour Fixe mit Bewohner*innen oder eben auch Ausflüge, die nach den Vorstellungen der und gemeinsam mit den Klient*innen geplant werden. Die Klient*innen bekommen immer auch eine Verantwortung. Es wird nicht einfach über sie hinweg entschieden.

Wie ist das Bild, dass du von deinem Arbeitsumfeld hattest im Vergleich zur Realität? Wo hat es Überraschungen gegeben und wo ein bisschen Enttäuschungen?

Ich bin eine der wenigen aus meinem Studiengang, die was ganz anderes machen als das klassische Krankenhaus-, Praxis- oder Reha-Setting. Zunächst wusste ich gar nicht, dass es dieses Setting gibt. Man ist so unglaublich direkt im Alltag der Klient*innen dabei, aber eben auch bei ihnen zu Hause. Im ersten Moment kann das auch ein wenig irritierend sein:  im Bezug zum Beziehungsaufbau – wieviel gebe ich von mir preis? Die emotionale Abgrenzung ist definitiv eine schwierigere. Und natürlich ist die Volition der Bewohner*innen eine andere als z.B. bei Personen im Krankenhaus.

Überraschend war für mich die Erfahrung wie ich mit meinem eigenen Frust umgehe – im Studium hat man  in der Theorie meistens den oder die perfekte* Klient*in. Die Bereitschaft an aktiver Mitwirkung ist aber, wie erwähnt, nicht so gegeben wie im Krankenhaus, doch das macht gerade auch die positive Überraschung aus, wenn ein Konzept aufgeht. Die Haltung des Teams gegenüber den Bewohner*innen ist großartig. In anderen psychiatrischen Einrichtungen konnte der Wunsch von Klient*innen oftmals nicht umgesetzt werden. Das kann technische, strukturelle oder zeitliche Gründe haben. In der Transition ist das ganz anders: hier wird sehr personenzentriert und langfristig gedacht. Deswegen ist eben der Beziehungsaufbau das A & O.

Man kann sich die Freiheit nehmen dass direkt in ihrem Umfeld zu machen (z.B. Supermarkt). 

Überraschend war auch, dass es manchmal zu Überschneidungen mit sozialpädagogischer Arbeit kam. Aber ich habe bald begriffen, dass die Zielsetzung bei der gleichen Tätigkeit eine andere sein kann.

An was arbeitest du sonst noch?

Davor war ich im Kinderkompetenzzentrum Keil in einer Kindergarten-Gruppe mit frühkindlich autistischen Kindern. In wenigen Monaten werde ich auch noch im Haus der Barmherzigkeit mit Schwerpunkt Demenz arbeiten. Außerdem bin ich auch noch Yogalehrerin.

Was sind deine Wünsche an die Zukunft deinen Berufsstand betreffend?

Ich wünsche mir mehr Beachtung für den Berufsstand, denn die Arbeit ist wichtig und wir sind definitiv keine „Basteltanten“.  Die Integration im medizinischen Bereich könnte auch besser werden. Und ein Appell an die Männerwelt: traut euch!

Admin - 16:24:45 | Kommentar hinzufügen