Worum geht es eigentlich?

Das Erreichen des 18. Lebensjahres stellt sowohl für die öffentliche Hand und die Soziale Arbeit als auch für die Psychiatrie und andere Professionen eine formale Grenze dar. Diese normative Begrenzung orientiert sich nicht an entwicklungspsychologischen, biologischen, psychiatrischen oder sozialen Gegebenheiten. Aus wissenschaftlicher Sicht bildet die Zeitspanne zwischen dem 14. und dem 25. Lebensjahr nämlich ein entwicklungsbedingtes Kontinuum. (vgl. Fegert et al. 2016) 

Nach Thyen (2010) bedeutet Transition im engeren Sinne den absichtsvollen geplanten Übergang von Adoleszenten oder jungen Erwachsenen mit einem chronischen medizinischen Problem von einer kindzentrierten zu einer erwachsenenzentrierten Gesundheitsbetreuung. Dieser Transfer sollte klientInnenzentriert, flexibel, verantwortlich, kontinuierlich, flächendeckend und koordiniert sein.

Für McDonah und Viner (2006) sind folgende Punkte die Eckpfeiler des Transitionsansatzes:

  • Klar geregelte Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten
  • Bedarfsorientierung
  • Flexibilität
  • Skills-Training
  • Netzwerkorientierung

 

Und folgt dieses Projekt all diesen Ideen?

Grundsätzlich ja, aber es gibt 2 wichtige Abweichungen:

  1. Man kann bei uns bereits ab dem 15. Lebensjahr wohnen (nicht dem 14.) 
  2. Wir fokussieren auf jene Personen, die an einer psychischen Erkankung leiden und Anspruch auf eine Vollbetreuung nach dem Chancengleichheitsgesetz haben (vgl. Chancengleichheitsgesetz 2003)

 

Welcher Ansatz liegt der Arbeit mit psychiatrischen BewohnerInnen noch zugrunde?

Jener der Sozialpsychiatrie. Nach Degkwitz (1982: 431ff) ist die Sozialpsychiatrie eine Arbeits- und Betrachtungsweise innerhalb der Psychiatrie. Sie stellt besonders die (möglichen) sozialen Ursachen von psychischen Störungen in den Vordergrund der Betrachtung.

Auch für uns maßgebliche Elemente sind (vgl. Clausen, Eichenbrenner 2016):

  • Gemeindenähe
  • Normalisierungsprinzip
  • Bedürfnisangepasste Betreuung und Behandlung
  • Individuelle Hilfen
  • Inklusion
  • Peer-Support und EX-IN
  • Prävention
  • Recovery
  • Salutogenese

 

Sie erkennen hier einige bemerkenswerte Überschneidungen der Grundätze von Transition und Sozialpsychiatrie! Wir werden einzelne Elemente laufend auf unserer neuen Facebook-Seite näher vorstellen und freuen uns auf eine rege Diskussion mit Ihnen! Link: www.facebook.com/oasissocialis  

 

Gibt es in Österreich überhaupt ausreichend Bedarf?

Dazu wollen wir Ihnen eine Studie der Meduni Wien in Kooperation mit dem Ludwig Boltzmann Institut (2017) wärmstens ans Herz legen. Diese österreichweite Untersuchung hat ergeben, dass knapp 24% der Jugendlichen (zwischen 10 und 18 Jahre) zum Studienzeitpunkt an einer psychiatrischen Diagnose litten. Link: https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs00787-017-0999-6.pdf  

 

Welche Theorien und Ansätze sind noch wesentlich?

Die Basis unserer Haltung bildet die humanistische Psychologie. Hier ein sehr sehenswerter Vortrag dazu von Prof. Schulz von Thun. 

 

 

Wesentliche Grundlagen bilden außerdem noch jene für die moderne Jugendhilfe und klinische Soziale Arbeit wesentlichen Ansätze:

  • bio-psycho-soziales Modell
  • Social-Support Ansatz
  • Person-in-Environment-Ansatz
  • Alltags- und Lebensweltorientierung
  • Normalisierungsansatz
  • Psychosozialer-Stress-Modell
  • Gruppendynamik
  • Capabilites Approach
  • Störungsspezifische Pädagogik

 

 

Literaturtipps:

Rogers C. R. (2015). Der neue Mensch. Klett-Cotta.

Clausen J., Eichenbrenner I. (2010): Soziale Psychiatrie. Grundlagen, Zielgruppen, Hilfeformen. Kohlhammer Verlag, Stuttgart.

Degkwitz R. et al. (1982): Psychisch krank. Einführung in die Psychiatrie für das klinische Studium. Urban & Schwarzenberg, München.

Fegert J. et al. (2016): Übergang zwischen Jugend- und Erwachsenenalter: Herausforderungen für die Transitionspsychiatrie. Eckpunktepapier von DGKJP und DGPPN.

McDonagh JE, Viner R (2006) Lost in transition? Between pediatric an adult services. BMJ.

Otto H. U., Ziegler H. (Eds.). (2009). Capabilities-Handlungsbefähigung und Verwirklichungschancen in der Erziehungswissenschaft. Springer-Verlag.

Pauls H. (2013): Klinische Sozialarbeit. Grundlagen und Methoden psycho-sozialer Behandlung. Weinheim. Juventa.

Stadt Wien (2013): Gesetz zur Förderung der Chancengleichheit von Menschen mit Behinderung in Wien (Chancengleichheitsgesetz Wien – CGW).

Thyen U. (2010): Familienorientierte Versorgung in der Kinder- und Jugendmedizin. Auswirkungen von chronischen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen auf das Familiensystem und Erfordernisse an die Gesundheitsversorgung. In: Collatz J (Hrsg.): Familienmedizin in Deutschland. Lengerich: Pabst Science Publishers 2010. 218–237.

Wagner W., Zeiler M., Waldherr K., Philipp J., Truttmann S., Dür W., Treasure J., Karwautz A. (2017): Mental health problems in Austrian adolescents: a nationwide, two-stage epidemiological study applying DSM-5 criteria 2017. Link: https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs00787-017-0999-6.pdf [01.01.2018]

Wellhöfer P. R. (2001). Gruppendynamik und soziales Lernen. Stuttgart: Lucius und Lucius.