Am 29. November 2019 sind wir mit einem Marktstand bei einem tollen Symposium zum Thema "Transition" vertreten. Wir freuen uns, Euch dort zu treffen ..

Postkarte Symposium Transition Vorderseite

Geschäftsführer Walter Eichmann und Pädagogischer Leiter Wolfgang Haydn gemeinsam mit Kollegen des Arbeitskreises Noah bei deren großartiger Netzwerktagung.

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Nun ist es offiziell: die Oasis Socialis KIJU gemGmbH realisiert das Pilotprojekt TURN!

Dem Psychiatrischen Versorgungsplan für Wien 2030 folgend, werden im Dezember zwei sozialpsychiatrische Kleingruppen eröffnet. Die psychiatrischen Interventionen werden in engster Kooperation mit dem PSD konzipiert, die klinische Soziale Arbeit wird von uns durchgeführt. Wir freuen uns sehr, unsere langjährige Expertise in diesem wichtigen Projekt einbringen zu dürfen.

Hier gehts zu den Stellenausschreibungen: http://www.oasis-socialis.at/index.php/oasis-socialis-kiju-twist/turn/bewerbungsprozess.html

Logo TURN Entwuêrfe 01

 

 

 

Oasis Socialis gGmbH

Mag. Walter Eichmann

 

Wohlgemut in die neue Welt hinein?

Anmerkungen zur CareLeaver-Problematik

 

Wohl jeder kann gültige Assoziationen zum Titel meines Vortrags herstellen.

                Hänschen klein,

                ging allein,

                in die weite Welt hinein

                Stock und Hut, steht ihm gut

                Ist auch wohlgemut.

Weniger Menschen wissen, dass es verschiedene Textfassungen gibt.

Die heute verbreitete erzählt, dass Hänschen kurz nach dem Aufbruch sich zur Rückkehr besinnt.

                Aber Mutter weinet sehr,

                hat ja nun kein Hänschen mehr.

                Da besinnt sich das Kind,

                läuft nach Haus geschwind.

In der Originalversion „weinet die Mutter auch sehr“, jedoch

                Wünsch dir Glück, sagt ihr Blick,

                komm nur bald zurück.

In beiden Fassungen geht die Geschichte gut aus.

In der ersten, in der Hänschen die Ablösung von der Mutter nicht gelingen will, ist er im sicheren Kreis der Familie hochwillkommen.

In der zweiten

                Zieht das Kind heim geschwind,

                doch, nun ist´s kein Hänschen mehr,

                nein, ein großer Hans ist er.

Hans ist der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenleben also gut gelungen.

Vom 19. Jahrhundert ins 21.

Hier begegne ich 2 jungen Frauen.

Marie-Luise  ist 21 Jahre alt, lebt bei ihren Eltern und betreibt mit Gewissenhaftigkeit ihr Psychologiestudium. Im Herbst wird sie sicher den Grad Bachelor of Science (BSc) erworben haben.

Da dieser Abschluss wenig populär ist, wird wohl das Masterstudium angestrebt und anschließend die Ausbildung zur klinischen Psychologin absolviert. Wenn alles gut geht, ist ihre Ausbildung frühestens mit dem 26. Lebensjahr abgeschlossen

Um dieses Ziel erreichen zu können, ist sie auf die (auch finanzielle) Unterstützung der Eltern angewiesen.

Diese Lebenssituation ist unspektakulär, ganz banal normal.

Der Unterschied der Lebenssituation Marie-Luises zu der von sog. CareLeavern - also jungen Erwachsenen, die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in der Regel im Alter von 18 Jahren verlassen müssen - ist erheblich.

Makbule heißt die 18 jährige junge Frau. Als ihre Mutter schwanger war, war die Welt wahrscheinlich noch in Ordnung, denn der ausgesuchte Name bedeutet „die Akzeptierte“, „die Angenommene, Dazugehörige, Erwünschte“.

Als Makbule heranwuchs, mehrten sich bei ihr die Zweifel, ob sie in dieser Welt wirklich willkommen war. Vom älteren Bruder wurde sie geschlagen, wenn sie ihm nicht gehorchte; auch die Mutter wurde immer wieder handgreiflich. Der depressive Vater versuchte sich manchmal, ohne Erfolg, dazwischenzustellen.

Überdies wurde sie mit einem Cousin zwangsverheiratet. Zerrissen in einem interkulturellen Konflikt aufgrund der rigiden  Einstellungen und Regelsetzungen der Familie und ihren Wünschen nach Emanzipation wirkte sie auf ihre Umwelt zunehmend bedrückt und verzweifelt. Effiziente Hilfe bekam sie erst, nachdem sie durch mehrere Intoxikationen auf ihre als ausweglos empfundene Lage aufmerksam machte.

Diagnostiziert wurden eine Emotional instabile Persönlichkeitsstörung und eine Posttraumatische Belastungsstörung. Makbule geht es nicht immer gut. Am Tag ihrer Übersiedlung von der sozialpsychiatrischen WG in die Transition jedoch strahlte sie. Die große Angst, wie es nach dem 18. Geburtstag weitergehen wird, war der Gewissheit gewichen, weiterhin einen sicheren Ort zu haben.

Die Scheidung ist durchgebracht, Makbule hat eine Tagesstruktur, und sie nimmt Psychotherapie in  Anspruch.

Während junge Erwachsene in stabilen Mittelschichts- Familienbeziehungen meist über einen hinreichenden finanziellen Hintergrund verfügen sowie die Fähigkeit wie auch den Willen zum Bildungserwerb erworben haben, haben CareLeaver meist vielfach „gebrochene Biografien“. Anamnestische Daten beinhalten häufig Misshandlungen, allgemeine Vernachlässigung, sexuelle Gewalt, häufige Schulwechsel, ungewollte Schwangerschaften, multiple Transferierungen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe.

Wie schon erwähnt, enden in den meisten Fällen die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe mit Erreichung des 18. Lebensjahres.

Das Kinder- und Jugendhilfegesetz negiert einerseits, dass sich die Lebenswelt der Menschen  in den letzten 60 Jahren gravierend verändert hat wie auch wissenschaftliche Erkenntnisse der Neurobiologie.

Zu ersteren, den veränderten Bildungs- und Erwerbslaufbahnen:

In den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts stellten sich diese meist folgendermaßen dar.

Überwiegend wurde ein Hauptschulabschluss angestrebt, dem eine Lehre folgte. Mit 17 Jahren war man dann Elektriker oder Friseurin; gute SchülerInnen besuchten nach der Hauptschule vielleicht die Handelsschule oder gar eine Höhere Technische Lehranstalt und werkten dann in einer Bank oder als Ingenieure im Werk.

 Mit 21 Jahren zu heiraten war nicht ungewöhnlich, denn man galt als erwachsen; auch die Errichtung eines Eigenheimes mit engagierter Nachbarschaftshilfe auf dem Grund, den die Schwiegereltern bereitgestellt hatten, war durchaus üblich. War man dann um die 25 Jahre alt, erfolgte immer öfter die Frage, wann denn nun die Kinder geplant wären. 

Die Kinder- und Jugendhilfegesetzgebung heute scheint sich noch immer an diesem Narrativ zu orientieren.

Familiale Strukturen und Beziehungen haben sich aber drastisch verändert. Insbesondere längere Ausbildungszeiten verlängern das „psychosoziale Moratorium“ (im Sinne E.H. Eriksons) und prolongieren die Abhängigkeit von Unterstützungsinstanzen.

Zum zweiteren: Das Jugendhilfegesetz negiert auch entwicklungsbiologische Erkenntnisse.

Diese verweisen darauf, dass der adoleszente Entwicklungsprozess ein dynamischer ist und keinesfalls mit Erreichung des 18. Lebensjahres als abgeschlossen betrachtet werden kann.

„Wir wissen heute“ – um aus einem Werk zur Neurobiologie der Adoleszenz zu zitieren - , (Spitzer:  Zur Neurobiologie der Adoleszenz, 2009, S 137) dass das Gehirn des Menschen um die Zeit der Pubertät herum besonders deutliche Veränderungen erfährt, die insbesondere das Frontalhirn betreffen und hier wieder besonders den sogenannten präfrontalen Kortex …

Genau hier jedoch liegen die höheren und höchsten geistigen Leistungen wie Planen von Zukunft, Verfolgen langfristiger Ziele sowie repräsentierte Bewertungen … Dies ermöglicht beispielsweise den Aufschub kurzfristiger Belohnungen und damit das Unterdrücken reflexartiger impulsiver Handlungen. Im sich entwickelnden Frontalhirn sitzen damit letztlich die Individualität der Person und Persönlichkeit.“

Auch  an anderer Stelle wird auf die späte Ausreifung bestimmter Hirnregionen hingewiesen. „Erst im jungen Erwachsenenalter kann die verzögerte, schubweise Strukturreifung des menschlichen PFC (Anmerkung: Präfrontaler Kortex) als abgeschlossen gelten.“ Teuchert-Noodt / Lehmann (2008, S. 35)

Diese Aussagen gelten für durchschnittlich erwartbare Entwicklungen. Die Adoleszenz ist zwar nicht per se eine Zeit schwerer Störungen, wenngleich Untersuchungen darauf verweisen, „dass 46 % aller 13-Jährigen und 33 % aller 16-Jährigen Persönlichkeitsauffälligkeiten in den verschiedenen Bereichen zeigen …“ (Korenblum 1990, zit. nach  Streeck-Fischer u. a. 2009,S.187)

Diese Prozentzahlen liegen naturgemäß bei „fremduntergebrachten“ Kindern und Jugendlichen erheblich höher.  Die Umwelteinflüsse wie z. B. Stressoren und Drogen sind vielfach derart geraten, dass erhöhte Vulnerabilitäten gegeben sind  und auch im jungen Erwachsenenalter die Chancen auf Korrektur einer vorausgegangenen Schädigung geringer sind. (vgl. Teuchert-Noodt / Lehmann, S. 36 in Entwicklungspsychiatrie, 2008)

 Umso notwendiger sind hochprofessionelle Unterstützungsangebote für junge Erwachsene in prekärer biopsychosozialer Position über das 18. Lebensjahr hinaus.

Bisherige Angebote für vollbetreutes Wohnen erwiesen sich vielfach als nicht geeignet.

Oftmals mussten wir die Erfahrung machen, dass sich unsere Klientel aus den sozialpsychiatrischen Wohngemeinschaften als „schwer vermittelbar“ herausstellten, was für alle Beteiligten erhöhten Stress bedeutete und die Krisenanfälligkeit für die Betreuten massiv erhöhte.

In anderen Fällen führte der Bruch im Betreuungskontinuum zu Exazerbationen oder gar zum völligen Verlust bereits erworbener Kompetenzen.

Nachdem viele Kolleginnen und ich jahrelang ergebnislos auf diese Misere hingewiesen hatten, war ich wirklich überrascht, als sich 2 wichtige Personen zu einem fachlichen Diskurs ansagten.

Innerhalb 1 Stunde hatten wir konsensual konzeptionelle Eckpfeiler eingeschlagen, und 2 Jahre später eröffneten wir das neue Projekt Transition.

Diese beiden Ermöglicher (im Gegensatz zu den vielen Verhinderern in unserer Gesellschaft) darf ich vor den sprichwörtlichen Vorhang bitten: Frau Ingrid Pöschmann (WKuJH) und Herrn Harald Motsch (FSW).

2 weitere Personen, ohne die die Realisierung des Projekts nicht gelungen wäre, verdienen einen besonderen Applaus: Dr. Patrick Frottier, der uns mit seiner psychiatrischen Expertise  schon seit 2 Jahrzehnten unterstützt, und Hr. Wolfgang Haydn, dem pädagogischen und organisatorischen Leiter der Oasis Socialis.

Transition bedeutet Übergang.

Wir verstehen darunter den geplanten Übergang von einer kind- und jugendzentrierten sozialpsychiatrischen Betreuungsform zu einer erwachsenenadäquaten Versorgungsstruktur, ohne dass es zu gravierenden Brüchen kommt.

Wie wichtig es ist, diese Übergänge sensibel zu gestalten, wissen wir im Verein OASE schon lange.

Deshalb haben wir, im Bewusstsein, möglichst passende Antworten auf die unterschiedlichen Bedürfnislagen unserer Klientel geben zu wollen, verschiedene Konzepte entwickelt, die im Organigramm schematisch abgebildet werden.

Wir sehen sozialpädagogische Wohngemeinschaften, sozialtherapeutische Kleingruppen, sozialpsychiatrische Wohngruppen, betreutes Einzelwohnen und auch ausschließlich individuumsbezogene Sonderformen.

Zwischen allen Betreuungsformen gibt es bei Bedarf Übergänge.

Mit der Transition haben wir eine wesentliche Lücke im System geschlossen.

FH Profilbild Juni19

Nun ist es offiziell: Unser Kooperationspartner - der Verein Oase - strukturiert sich um. Infolgedessen wird die ehemalige Oase 3 (Sozialpsychiatrische Wohngemeinschaften), die (inhaltlich) unser Mutterprojekt ist, in eine eigene gemeinnützige GmbH überführt: die Oasis Socialis KIJU (Kinder und Jugendliche) gemeinnützige GmbH. Die inhaltliche Nähe ist offensichtlich und bewusst gestaltet. Da wir eng kooperieren und bzgl. Haltung, Zielgruppe und Angebot in die gleiche Richtung gehen, teilen wir uns sowohl die Homepage, als auch die Facebookseite.

Hier ist die Veröffentlichung von Mag. Walter Eichmann downloadbar: Veröffentlichung

Wir freuen uns auf die nächsten Monate und eine großartige Kooperation!